20.032015
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Jeder kennt diesen Satz aus Steuerdebatten: „Starke Schultern tragen mehr.“ Anders formuliert: Wer mehr hat, muss mehr beitragen. Anders verstanden: Wer reich ist, muss mehr zahlen. Diese Forderung findet in der Bevölkerung in der Regel breite Zustimmung. Das schon vor allem deshalb, weil sich eigentlich niemand selbst für reich hält und daher (zu Unrecht) davon ausgeht, dass ihn die Umsetzung dieser Forderung selbst nicht belasten wird. Wer aber ist denn in der Realität wohl gemeint?

Sind Sie reich? Und wann ist man denn eigentlich reich? Das haben Sie sich bestimmt auch schon gefragt. Natürlich ist das sehr subjektiv und in der Regel nicht zu beantworten. Und dennoch: Wer eine Steuer erhebt, muss eine Festlegung treffen. Eigentlich muss sich die Antwort, zumindest die Antwort des Gesetzgebers, also im Gesetz nachschlagen lassen. Ich schlage das Einkommensteuergesetz zur Recherche vor.

Reich per gesetzlicher Definition? Nein, so wörtlich steht das freilich nicht im Gesetz. Aber ich würde meinen, dass derjenige wohl „eine starke Schulter haben“ (reich sein) muss, dessen Einkommen mit dem höchsten Steuersatz belastet wird.

Bis 2006 betrug dieser höchste Steuersatz 42 %. Sie erreichen ihn ab einem steuerpflichtigen Einkommen von derzeit 52.882 EUR (pro Person).

Seit 2007 gibt es noch einen zusätzlichen Höchstsatz, der von der damaligen großen Koalition eingeführt wurde. Er beträgt 45 % und beginnt bei einem steuerpflichtigen Einkommen von 250.731 EUR (pro Person).

Nun wird sicher der eine oder andere an dieser Stelle feststellen, dass er über ein entsprechendes Einkommen verfügt, aber gar nicht reich ist. Oder sich jedenfalls nicht so empfindet. Ziemlich sicher zumindest diejenigen, die in die 42 % – Gruppe fallen.

Das führt zu der interessanten Frage: Wie kommt es zu diesem Wert – der fern jeder heutigen Realität liegt – eigentlich?

Dieser Wert stammt noch aus den 60er Jahren der Bundesrepubik und betrug seinerzeit 100.000 DM. Er hat noch heute als Eintrittsgrenze Bestand und wurde im Zuge der Einführung des Euro nur lediglich umgerechnet. Inflationsbereinigt würde der entsprechende Wert heute wohl zwischen 170.000 und 180.000 EUR betragen.

Um es mal klar zu formulieren: Kaufkraftbereinigt zalte man vor ungefähr 50 Jahren also erst ab einem Einkommen von etwa 170.000 EUR den höchsten Steuersatz. Heute tut man das bereits bei etwas mehr als 50.000 EUR.

Mit Verlaub: Das ist aus meiner Sicht ein Skandal. Es gibt derzeit übrigens keinerlei mir bekannte ernsthafte Debatte über eine Anpassung dieser Werte an heutige Verhältnisse. Warum auch? Inflation ist doch der beste Schatzmeister.