25.062015
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Jeder arbeitende Mensch hat wohl mindestens einmal nach einem langen Tag im Dienst des Broterwerbs das Gefühl gehabt, dass irgendetwas mit der Welt im Allgemeinen und seinem / ihrem Verdienst im Speziellen nicht stimmt. Oder um es im Star-Wars-Jargon zu sagen: Eine Erschütterung der Macht gespürt.

Es fühlt sich doch oft so an: Wer Leistung bringt wird abgestraft. Aber ist das nur ein Gefühl, so wie jenes, dass der Sommer wieder viel zu kurz und verregnet war? Ich wollte mich diesem vermeintlichen Gefühl einmal objektiv und steueranalytisch nähern. Und ich habe einige sehr handfeste Anhaltspunkte gefunden, die mich zu der Annahme bringen: Arbeit wird bestraft, Vermögen wird privilegiert – jedenfalls in unserem Steuersystem.

Beispiel gefällig?

Den Meisten ist bekannt, dass der steuerliche Höchstsatz bei einem Einkommen von 52.882 EUR erreicht wird und 42 % beträgt. Darüber gibt es dann nochmals einen gesonderten Höchstsatz, der ab einem Einkommen von 250.731 EUR einsetzt und 45 % beträgt.

Ich behaupte aber, dass dies gar nicht der allgemeine steuerliche Höchstsatz, sondern nur der Höchstsatz auf Arbeit ist. Der Steuersatz auf Vermögen und dessen gewinnbringende Verwertung ist beträchtlich niedriger. Denn obige Steuersätze kann man im Grunde nur innerhalb der Einkunftsarten erreichen, die klassisch dem erarbeiteten Ertrag vorbehalten sind – nämlich selbständige und gewerbliche Einkünfte, nichtselbständige Tätigkeit, Land- und Forstwirtschaft.

Die Einkunftsart der nicht Arbeitenden bleibt aber Kapitalvermögen. Dort hingegen befinden wir uns seit 2009 im Reich der Abgeltungssteuer. Das bedeutet nichts anderes, als dass hier auf Einkünfte lediglich 25 % bezahlt werden – höchstens! Damit ist alles „abgegolten“. Nach der Flat-Rate kam die Flat-Tax. Leider aber nur für die Leute, die soviel Geld übrig haben, dass sie ihr Geld „arbeiten“ lassen können.

Um nicht unfair zu sein, muss hier klar gestellt werden, dass es verschiedene Arten von Kapitaleinkünften gibt. Bei einigen ist diese Besteuerungsform absolut gerechtfertigt. Ich möchte mich hier auf Zinsen und Dividenden als Relevanteste beschränken. Hieran kann man alles hinreichend deutlich machen.

Die Dividende ist der Gewinn einer Kapitalgesellschaft, meistens GmbH oder AG, die an den Anteilseigner ausgeschüttet wird. Die Kapitalgesellschaft hat diesen Gewinn bereits besteuert und die Ausschüttung an den Gesellschafter ist ein neuraler Vorgang für die Gesellschaft, keine Betriebsausgabe. Die ermäßigte Besteuerung mit 25 % beim Dividendenempfänger ist völlig korrekt, da bei einer erneuten Vollbesteuerung auch auf Ebene des Gesellschafters eine Überbesteuerung einsetzen würde, die den einmal erzielten Gewinn allzusehr aufzehren würde. Die Flat-Tax ist hier sinnvoll und richtig.

Aber nun zum Skandal, den Zinsen. Diese werden dem Empfänger als Vergütung für vorübergehend zur Nutzung überlassenes Kapital bezahlt. Sie sind (im Gegensatz zur Dividende) noch nie besteuert worden und stellen beim Zahlenden sogar im Zweifel voll abziehbare Betriebsausgaben dar. Eine Pauschal-Besteuerung mit 25 % ist hier durch nichts zu rechtfertigen. Und mal ehrlich – 25 % statt 42 oder 45 %, das ist schon ein weihnachtliches Geschenk. Hinzu kommt, dass die wenigsten Menschen in der Lage sind genug Geld beiseite zu legen, um überhaupt oder mehr als geringe Zinseinnahmen zu generieren. Umgekehrt bedeutet das, dass dieses Steuergeschenk exklusiv einem ganz erlesenen Zirkel der vermögendsten Bevölkerungsteile zu Gute kommt. Und zwar ausschließlich.

Warum sollte eine Regierung so handeln? Wer weiß das schon. Aber spekulieren sei erlaubt. Dieser kleine Bevölkerungsteil mit hohen anlagebedürftigen Vermögen dürfte einen wesentlichen Teil der Staatsanleihen der Bundesrepublik und anderer europäischer und internationaler Partner in privater Hand aufkaufen. Sie sind also ein relevanter Darlehensgeber und Gläubiger des Staates. Sicher fördert es die Möglichkeiten des Staates zur Aufnahme von Krediten, wenn diese Anlagen steuerlich begünstig sind und somit auch anderen Anlagemöglichkeiten zumindest steuerlich an Attraktivität überlegen. Denn andere Formen der Hingabe von Darlehensbeträgen sind nicht von der Förderung eingeschlossen. Wer etwa seinem Kind zum Existenzaufbau ein Darlehen gewährt, profitiert hinsichtlich der dafür erhaltenen Zinsen nämlich nicht von der Flat-Tax – hier gilt die Besteuerung zum individuellen Tarif. Darlehen ist eben nicht gleich Darlehen.

Wenn ich Sie bislang noch nicht verärgern konnte, unternehme ich noch einen letzten Versuch. Denn: Es geht auch ganz steuerfrei. Und zwar in unbegrenzter Höhe.

Wie? Sie spekulieren mit einer Immobilie. Bei uns in Stuttgart und im ganzen süddeutschen Raum eine äußerst beliebte Variante, denn die Immobilienpreise sind seit dem Ende des zweiten Weltkriegs nahezu ausschließlich überproportional gestiegen.

Es geht so: Sie kaufen eine Wohnung oder ein Haus. Wenn Sie selbst gleich einziehen, können Sie es quasi jederzeit steuerfrei wieder verkaufen. Es wird aber schon ein paar Jahre dauern, bis es sich lohnt. Aber die beste Variante ist eine andere: Sie vermieten es. Dann können Sie den Gebäudepreis abschreiben und die Zinsen zur Finanzierung können Sie auch steuerlich geltend machen. Und wenn Sie das Haus nach mindestens 10 Jahren verkaufen (Wertzuwächse von 50 – 60 % sind bei einem vernünftigen Objekt absolut realistisch), dann ist der gesamte dabei erzielte Gewinn steuerfrei!

In unbegrenzter Höhe übrigens.

Es ist egal, ob Sie nur 50.000 EUR oder weit über eine Million Mehrerlös erzielen, Sie dürfen alles behalten. Der Staat will nichts davon.

Dumm ist das nur erneut für diejenigen, die leider keine Finanzierung erhalten. Oder die für die Tilgungsraten eben nicht genug übrig haben. Denn die Mieteinnahmen allein reichen für die Gesamtrate oft nicht aus.

Nun verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin ja Steuerberater. Ich bin nicht für höhere Steuern, ganz und gar nicht. Ich bin nur für eine andere Besteuerung. Ich bin zunächst schlicht dafür, dass Einkünfte gleich besteuert werden, egal auf welche Art und aus welcher Quelle sie erzielt werden. Ich bin dafür, dass eine Erhöhung der Steuereinnahmen aus anderen Einkunftsarten dafür verwendet wird, die Steuer auf „Arbeit“ zu senken, ganz gleich ob selbständig oder nichtselbständig. Und ich bin der Meinung, dass wenn man schon privilegierte Einkunftsarten schafft, diese in den Bereichen angesiedelt sein müssen, in denen Menschen durch eigene Leistung Werte schaffen.

Denn Leistung und Fleiß gehören gefördert und belohnt, nicht abgestraft.